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Dagstuhl-Erkl\xE4rung:
Bildung in der digitalen vernetzten Welt
07.03.2016

Das Original dieser Erkl\xE4rung ist unter http://tinyurl.com/dagstuhl3eck zu finden.

Diese Erkl\xE4rung richtet sich an Institutionen des Bundes und der L\xE4nder, an Bildungsexpert_innen und Praktiker_innen im Bildungswesen. Sie wurde in einem GIDagstuhl Seminar im Februar 2016 von Expert_innen aus der Informatik und ihrer Didaktik, der Medienp\xE4dagogik, der Wirtschaft und der Schulpraxis verfasst.

In gemeinsamer Verantwortung von Medienp\xE4dagogik, Informatik und Wirtschaft fordern wir:
  1. Bildung in der digitalen vernetzten Welt (kurz: Digitale Bildung) muss aus technologischer, gesellschaftlich-kultureller und anwendungsbezogener Perspektive in den Blick genommen werden.
  2. Es muss ein eigenst\xE4ndiger Lernbereich eingerichtet werden, in dem die Aneignung der grundlegenden Konzepte und Kompetenzen f\xFCr die Orientierung in der digitalen vernetzten Welt erm\xF6glicht wird.
  3. Daneben ist es Aufgabe aller F\xE4cher, fachliche Bez\xFCge zur Digitalen Bildung zu integrieren.
  4. Digitale Bildung im eigenst\xE4ndigen Lernbereich sowie innerhalb der anderen F\xE4cher muss kontinuierlich \xFCber alle Schulstufen f\xFCr alle Sch\xFCler_innen im Sinne eines Spiralcurriulums erfolgen.
  5. Eine entsprechend fundierte Lehrerbildung in den Bezugswissenschaften Informatik und Medienbildung ist hierf\xFCr unerl\xE4sslich. Dies bedeutet:
    • Ein eigenst\xE4ndiges Studienangebot im Lehramtsstudium, das Inhalte aus der Informatik und aus der Medienbildung gleicherma\xDFen umfasst, muss eingerichtet werden.
    • Die Fachdidaktiken aller F\xE4cher und die Bildungswissenschaften m\xFCssen sich der Herausforderung stellen und Forschung und Konzepte f\xFCr Digitale Bildung weiterentwickeln.
    • Umfassende Fort und Weiterbildungsangebote f\xFCr Lehrkr\xE4fte aus technologischer, gesellschaftlich-kultureller und anwendungsbezogener Perspektive m\xFCssen kurzfristig eingerichtet werden.
Bis diese Forderungen umgesetzt sind, bedarf es kurzfristiger Ma\xDFnahmen, die direkt die Sch\xFCler_innen und Lehrer_innen adressieren, z. B. unter Einbezug au\xDFerschulischer Lernorte und externer Expert_innen und Bildungspartner.

Digitale Kultur und Bildung

Wir leben in einer digital gepr\xE4gten Gesellschaft, die eine eigene Kultur in Lebens und Arbeitswelt hervorbringt. Schule muss sich daher der Frage nach Bildung in der digitalen vernetzten Welt umfassend stellen. Ohne Verst\xE4ndnis der grundlegenden Konzepte der digitalen vernetzten Welt k\xF6nnen Bildungsprozesse heute nicht zukunftsf\xE4hig gestaltet werden.

Kernaufgaben der Allgemeinbildung wie F\xF6rderung von Verantwortungsbewusstsein, Urteilsf\xE4higkeit, Kreativit\xE4t, Selbstbestimmtheit, Partizipation und Bef\xE4higung zur Teilnahme am Arbeitsleben stellen sich unter den ver\xE4nderten Bedingungen neu. F\xFCr die Bew\xE4ltigung dieser Aufgaben m\xFCssen Inhalte und Kompetenzen der Informatik und Medienbildung verkn\xFCpft und verpflichtend im Curriculum aller Schulformen verankert werden.

Fragen nach der Digitalen Bildung betreffen auch die Nutzung von digitalen Medien als Werkzeug f\xFCr das Lernen und die Schulinfrastruktur. Sie k\xF6nnen den Zugang zum Lernen und Schule grundlegend ver\xE4ndern, wenn dies didaktisch sinnvoll und reflektiert geschieht. Insbesondere muss die Heterogenit\xE4t der Sch\xFCler_innen ber\xFCcksichtigt werden, um allen einen gleichberechtigten Zugang zu erm\xF6glichen. Auch f\xFCr die erfolgreiche Nutzung der digitalen Werkzeuge zum Lernen sind informatische und medienp\xE4dagogische Grundkonzepte notwendig.

Perspektiven der Digitalen Bildung

Die digitale vernetzte Welt beeinflusst mit ihren Ph\xE4nomenen, Artefakten, Systemen und Situationen die Lebenswelt der Sch\xFCler_innen und direkt oder indirekt den Unterricht.

Um den Bildungsauftrag zu erf\xFCllen und eine nachhaltige und strukturell verankerte Bildung f\xFCr die digitale vernetzte Welt zu gew\xE4hrleisten, m\xFCssen in der Schule daher die Erscheinungsformen der Digitalisierung unter verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Jede Erscheinungsform hat sowohl technologische, gesellschaftlich-kulturelle als auch anwendungsbezogene Aspekte, die sich gegenseitig beeinflussen. Daher kann nur deren gemeinsame didaktische Bearbeitung zu einer fundierten und nachhaltigen Bildung in der digitalen vernetzten Welt f\xFChren.

Diese umfassende Betrachtungsweise geht \xFCber die bisher oftmals praktizierte, isolierte Betrachtung einzelner Aspekte hinaus. Sch\xFCler_innen sollen dazu bef\xE4higt werden, selbstbestimmt mit digitalen Systemen umzugehen. Dies erfordert, sie zu verstehen, zu erkl\xE4ren, im Hinblick auf Wechselwirkungen mit dem Individuum und der Gesellschaft zu bewerten sowie ihre Einflussm\xF6glichkeiten zu sehen und nicht nur ihre Nutzungsm\xF6glichkeiten zu kennen.

Um diese Aspekte im Unterricht in den Blick zu nehmen, m\xFCssen die Erscheinungsformen unter der jeweiligen Perspektive wie folgt betrachtet und hinterfragt werden:

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  • Die technologische Perspektive hinterfragt und bewertet die Funktionsweise der Systeme, die die digitale vernetzte Welt ausmachen. Sie gibt Antworten auf die Frage nach den Wirkprinzipien von Systemen, auf Fragen nach deren Erweiterungs- und Gestaltungsm\xF6glichkeiten. Sie erkl\xE4rt verschiedene Ph\xE4nomene mit immer wiederkehrenden Konzepten. Dabei werden grundlegende Probleml\xF6sestrategien und -methoden vermittelt. Sie schafft damit die technologischen Grundlagen und Hintergrundwissen f\xFCr die Mitgestaltung der digitalen vernetzten Welt.
  • Die gesellschaftlich-kulturelle Perspektive untersucht die Wechselwirkungen der digitalen vernetzten Welt mit Individuen und der Gesellschaft. Sie geht z. B. den Fragen nach: Wie wirken digitale Medien auf Individuen und die Gesellschaft, wie kann man Informationen beurteilen, eigene Standpunkte entwickeln und Einfluss auf gesellschaftliche und technologische Entwicklungen nehmen? Wie k\xF6nnen Gesellschaft und Individuen digitale Kultur und Kultivierung mitgestalten?
  • Die anwendungsbezogene Perspektive fokussiert auf die zielgerichtete Auswahl von Systemen und deren effektive und effiziente Nutzung zur Umsetzung individueller und kooperativer Vorhaben. Sie geht Fragen nach, wie und warum Werkzeuge ausgew\xE4hlt und genutzt werden. Dies erfordert eine Orientierung hinsichtlich der vorhandenen M\xF6glichkeiten und Funktionsumf\xE4nge g\xE4ngiger Werkzeuge in der jeweiligen Anwendungsdom\xE4ne und deren sichere Handhabung.
Am Bereich der Kommunikation und Kooperation zeigt sich das Zusammenwirken der Perspektiven exemplarisch: Digitale Kommunikation und Kooperation ist eine Voraussetzung der Teilnahme an allen Lebensbereichen (sozial, kulturell, \xF6konomisch, politisch) geworden. F\xFCr viele Menschen ist sie ein selbstverst\xE4ndlicher Bestandteil des Alltags. Um in diesen Kontexten souver\xE4n handeln zu k\xF6nnen, m\xFCssen technologische, gesellschaftlich-kulturelle und anwendungsbezogene Aspekte ganzheitlich verstanden werden. So setzt z. B. die selbstbestimmte Nutzung sozialer Netzwerkplattformen oder Apps alle drei Aspekte zwingend voraus: Man muss zun\xE4chst sachgerecht damit umgehen, indem man z. B. die notwendigen Sicherheits- und Privatsph\xE4re-Einstellungen vornimmt. Aber erst mit Kenntnis der technischen Wirkungsweise beispielsweise zugrundeliegender Algorithmen werden die Nutzer_innen sich bewusst, dass sie sich dabei in einem von Menschen entworfenen, technischen Kommunikationsraum mit entsprechenden Konsequenzen f\xFCr ihre Daten bewegen und k\xF6nnen entsprechend souver\xE4n handeln. Auch die Bedeutung von Metadaten und Verkn\xFCpfungsm\xF6glichkeiten m\xFCssen bekannt sein, wenn die Folgen der eigenen Kommunikationen verstanden werden sollen. Dies ist ein Beispiel daf\xFCr, dass erst die Kenntnis bzw. Beherrschung aller Perspektiven die Urteilsf\xE4higkeit sowie die kompetente, kritische und differenzierte Nutzung begr\xFCnden.

Unterzeichnende

Organisator_innen des Dagstuhl-Seminars

  • Prof. Dr. Torsten Brinda; Didaktik der Informatik, Universit\xE4t Duisburg-Essen
  • Prof. Dr. Ira Diethelm; Didaktik der Informatik, Carl von Ossietzky Universit\xE4t, Oldenburg
  • Prof. Dr. Rainer Gemulla; Data Analytics, Universit\xE4t Mannheim
  • Prof. Dr. Ralf Romeike; Didaktik der Informatik, Friedrich-Alexander-Universit\xE4t Erlangen-N\xFCrnberg;
  • Prof. Dr. Johannes Sch\xF6ning; Expertise Center for Digital Media, Universit\xE4t Hasselt (Belgien);
  • Prof. Dr. Carsten Schulte; Didaktik der Informatik, Freie Universit\xE4t Berlin

Teilnehmer_innen des Dagstuhl-Seminars

  • Thomas Bartoschek; Institut f\xFCr Geoinformatik, Universit\xE4t M\xFCnster
  • Dr. Nadine Bergner; Lehr- und Forschungsgebiet Informatik 9, RWTH Aachen University
  • Prof. Dr. Torsten Brinda; Didaktik der Informatik, Universit\xE4t Duisburg-Essen
  • Prof. Dr. Ira Diethelm; Didaktik der Informatik, Carl von Ossietzky Universit\xE4t, Oldenburg
  • Leonore Dietrich; Software Engineering, Universit\xE4t Heidelberg
  • Prof. Dr. Beat D\xF6beli Honegger; Institut f\xFCr Medien und Schule, P\xE4dagogische Hochschule Schwyz (Schweiz)
  • R\xFCdiger Fries; Gesellschaft f\xFCr Medienp\xE4dagogik & Kommunikationskultur
  • Prof. Dr. Rainer Gemulla; Data Analytics, Universit\xE4t Mannheim
  • Prof. Dr. Werner Hartmann; infoSense (Schweiz)
  • Dr. Lutz Hellmig; Didaktik der Informatik, Universit\xE4t Rostock
  • Prof. Dr. Bardo Herzig; Allgemeine Didaktik, Schulp\xE4dagogik & Medienp\xE4dagogik, Universit\xE4t Paderborn
  • Dr. J\xFCrgen Hollatz; Human Resources, Siemens AG
  • Prof. Dr. Benjamin J\xF6rissen; P\xE4dagogik mit dem Schwerpunkt Kultur, \xE4sthetische Bildung und Erziehung, Friedrich-Alexander-Universit\xE4t Erlangen-N\xFCrnberg
  • Prof. Dr. Sven Kommer; Allgemeine Didaktik mit dem Schwerpunkt Technik- und Medienbildung, RWTH Aachen University;
  • Alexander Mittag; Landesinstitut f\xFCr Schulentwicklung, Baden-W\xFCrttemberg
  • Peter Kusterer; Corporate Citizenship, IBM Deutschland
  • Prof. Dr. Andreas Oberweis; Betriebliche Informationssysteme, Karlsruhe Institute of Technology
  • Torsten Otto; Wichern-Schule Hamburg
  • Alexander Rabe; Gesellschaft f\xFCr Informatik e. V. (GI)
  • Gerhard R\xF6hner ; Lichtenberg Gymnasium Darmstadt
  • Prof. Dr. Heidi Schelhowe; Digitale Medien in der Bildung, Universit\xE4t Bremen
  • Prof. Dr. Bj\xF6rn Scheuermann; Technische Informatik, Humboldt-Universit\xE4t zu Berlin
  • Dr. Birgit Schmitz; Deutsche Telekom Stiftung
  • Prof. Dr. Johannes Sch\xF6ning; Expertise Center for Digital Media, Universit\xE4t Hasselt (Belgien);
  • Prof. Dr. Carsten Schulte; Didaktik der Informatik, Freie Universit\xE4t Berlin
  • Dr. Hartmut Sommer; Dienstleistungsgesellschaft f\xFCr Informatik (DLGI), Bonn
  • Martin Zimnol; P\xE4dagogisches Landesinstitut, Rheinland-Pfalz