Computer haben in den letzten 50 Jahren enorm viel verändert. Sie wurden durch das Internet zu einem weltweiten Verbund und Kommunikationsnetzwerk. In Form von Smartphones wurden sie auch mobil und zum täglichen Begleiter der meisten Menschen. Seit etwas mehr als drei Jahren sind wir nun mit der nächsten Etappe des digitalen Wandels konfrontiert: ChatGPT zeigt der Weltöffentlichkeit seit Ende 2022, wozu generative Machine-Learning-Systeme unterdessen fähig sind. Per Tastatur
oder Stimme befragt, können sie Auskunft zu allem Möglichen geben und neben Texten auch Bilder, Töne oder sogar Videos generieren. Während Suchmaschinen «nur» leichter auffinden, was Menschen zuvor aufgezeichnet haben, erkennen ChatGPT & Co. Muster, setzen diese neu zusammen und liefern damit Antworten, die noch nirgends genau so abgespeichert waren. In kurzer Zeit haben solche Systeme das Denken und Arbeiten vieler Menschen verändert. Egal ob Wasserschaden, unverständliche Hausaufgaben oder Beziehungsprobleme: Hätte man in solchen Situationen vor Kurzem noch «gegoogelt», wird heute oft ein Chatbot befragt.
Ähnlich wie beim Aufkommen des Internets oder des Smartphones stellt
sich die Frage, welche Auswirkungen
diese Technologie auf uns und die
Welt hat beziehungsweise wie wir uns
ihr gegenüber verhalten wollen. Denn
was auf den ersten Blick verlockend
klingt, hat unter Umständen auch
negative Auswirkungen auf unser
Denken, auf unsere Beziehungen
oder das Klima, sodass wir als
Menschheit lernen müssen, vernünftig
damit umzugehen. Vielleicht hilft
uns bei diesen Überlegungen der
Vergleich von Steve Jobs: Wenn der
Computer das Fahrrad für den Geist
ist, was sind dann generative Machine-
Learning-Systeme? Sind sie eher
E-Bikes, Autos oder gar selbstfahrende
Autos für den Geist?
Betrachten wir generative Machine-Learning-Systeme wie ChatGPT als E-Bikes für den Geist, dann gehen wir
davon aus, dass es sich um simple
Werkzeuge handelt, mit denen man
den eigenen Horizont erweitert, sich
ansonsten aber wenig ändert.
Sehen wir generative Machine-Learning- Systeme hingegen als Autos für den Geist, dann gehen wir nicht nur von
einer massiv grösseren Reichweite
aus, sondern sind uns auch bewusst,
dass solche Systeme deutlich mehr
Energie benötigen und weniger
effizient sind als ein Fahrrad oder ein
E-Bike. Zudem wählen wir zwar auch
mit einem Auto noch selbst Weg und
Ziel, aber wir trainieren damit unsere
körperliche Fitness nicht mehr.
Die Metapher von generativen Machine-Learning-Systemen als selbstfahrenden Autos betont, dass
wir bei der Nutzung solcher Systeme
Verantwortung abgeben und bis zu
einem gewissen Grad fremdgesteuert
werden. Im selbstfahrenden Auto
verzichten wir neben dem körperlichen
Training auch aufs Training
unserer Navigationsfähigkeiten.
Dass die ständige Nutzung eines
Navigationsgeräts unsere eigenen
Navigationsfähigkeiten verringert,
wissen wir aus mehreren Studien.
Dafür gewinnen wir Zeit für andere
Tätigkeiten, während uns eine Maschine
ans Ziel bringt.
So wie wir beim Fahrrad, E-Bike, Auto und bei selbstfahrenden Autos lernen mussten, dass es nicht ein
richtiges Transportmittel für alle Fälle
gibt, so steht uns dieser Lernprozess
bei generativen Machine-Learning-
Systemen noch bevor: Welche Aktivitäten
wollen wir der Maschine abgeben,
weil wir Zeit für anderes gewinnen,
aber weder Fertigkeiten noch
Autonomie verlieren? Was sind umgekehrt
Tätigkeiten, die wir weiterhin
selbst vornehmen sollten, weil wir das
Ergebnis vollständig verstehen und
verantworten wollen?