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Attention is all you need

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«Attention is all you need» («Aufmerksamkeit ist alles, was man braucht») lautet der Titel eines wissenschaftlichen Artikels, der zu den meistzitierten gehört, obwohl er noch keine zehn Jahre alt ist. Er beschreibt, wie Machine-Learning-Systeme wie ChatGPT in einem Text wichtige von unwichtigen Wörtern unterscheiden können. Das im Artikel beschriebene mathematische Verfahren ist mitverantwortlich für die massive Leistungssteigerung solcher Systeme in den letzten Jahren. «Attention» ist aber nicht nur ein aktuelles Konzept in der Informatik, sondern lässt sich auch nutzen, um die heutige Zeit zu verstehen.

Der Wirtschaftswissenschafter Herbert A. Simon schrieb bereits 1971 – zehn Jahre vor der Erfindung des PC – , das zentrale Gut unserer Zeit sei nicht die im Überfluss vorhandene Information, sondern die begrenzte menschliche Aufmerksamkeit. Computer seien deshalb nur dann hilfreich, wenn sie uns hälfen, die Informationsflut zu verringern, statt sie zu vergrössern. Heute produzieren Computer jedoch bereits die Hälfte aller neu erscheinenden Texte im Internet und erhöhen die Informationsflut zusätzlich.

Unsere aktuelle Epoche könnte man deshalb weniger als Informationsgesellschaft, sondern als Aufmerksamkeitsgesellschaft bezeichnen, finden verschiedene Stimmen. Weil Aufmerksamkeit zunehmend käuflich wird – Werbung, Produkt Placement oder Influencer sind Beispiele dafür –, wird auch von einer Aufmerksamkeitsökonomie gesprochen.

Für mich ist «Aufmerksamkeit» eine hilfreiche Perspektive, um wichtige Aspekte unserer Zeit zu verstehen und relevante Fragen zu stellen.
  • Verhältnis Mensch–Maschine: Wie verändert sich das Verhältnis von Mensch und Maschine, wenn die Verarbeitungskapazität von Maschinen weiter steigt, die Aufmerksamkeitskapazität des Menschen aber gleich bleibt?
  • Filtern als Rettung und Gefahr: Um in der Informationsflut zu überleben, brauchen wir Filter zum Schutz unserer Aufmerksamkeit. Herbert A. Simon wurde aber bereits 1971 kritisiert, dass zu starke Filter auch Unerwartetes und Neues ausblenden. Zur altbekannten Tendenz des Menschen, eher das wahrzunehmen, was sein Weltbild stützt, kommen heute selbstbestätigende Filterblasen in sozialen Medien und Sprachgeneratoren hinzu, die uns ihre erlernten Vorurteile überzeugend präsentieren und zudem so programmiert sind, dass sie uns schmeicheln, statt uns zu widersprechen.
  • Wen lassen wir für uns filtern? Filter sind mächtige Werkzeuge, die darüber bestimmen, was unsere Aufmerksamkeit erreicht. Deshalb ist es wichtig, zu sehen, wer unsere Aufmerksamkeit steuern will. Am offensichtlichsten ist dies in der Werbung und in sozialen Medien, wo es darum geht, unsere Aufmerksamkeit jederzeit und so lange wie möglich zu fesseln. Sowohl die technischen Möglichkeiten als auch die psychologischen Tricks werden dabei immer ausgefeilter. Aber auch Sprachgeneratoren versuchen, uns mit ihren Antworten so glücklich zu machen, dass wir keine anderen Quellen mehr zu Rate ziehen.
  • Schutz oder Zensur: Wenn Unternehmen unsere Aufmerksamkeit immer besser manipulieren können, reichen individuelle Medienkompetenz und Eigenverantwortung bald nicht mehr aus. So experimentieren verschiedene Staaten mit Einschränkungen oder Verboten von sozialen Medien oder Smartphones für Jugendliche oder gar die ganze Bevölkerung – eine heikle politische Gratwanderung zwischen Schutz und Zensur.
  • Hinsehen oder wegsehen: Der US-amerikanische Starmoderator Chris Hayes weist in seinem aktuellen Buch darauf hin, dass es massiv einfacher sei, Aufmerksamkeit zu erregen, als sie zu behalten. Dies erklärt nicht nur die Funktionsweise von Boulevardmedien, sondern bis zu einem gewissen Grad auch die aktuelle Politik der USA. Hayes beschreibt das Dilemma, dass man dieser Aufmerksamkeitsökonomie eigentlich nicht gehorchen möchte, angesichts verfassungs- und demokratiegefährdender Aktivitäten aber auch nicht wegschauen dürfe.
  • Worauf will ich meine Aufmerksamkeit richten? Die Digitalisierung hat die Auswahlmöglichkeiten für die eigene Aufmerksamkeit massiv erhöht. Vielleicht ist ja der Jahresbeginn eine gute Gelegenheit, sich zu überlegen, worauf man im kommenden Jahr seine Aufmerksamkeit richten möchte.

Wer dem Thema mehr Aufmerksamkeit widmen will, findet unter https://doebe.li/w502 die zitierte und weiterführende Literatur.

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